Audienz beim Kaiser der Mossi
Fährt man in Ouagadougou, der Hauptstadt der friedlichen Republik Burkina Faso, früher unter dem Namen Obervolta bekannt, vom Flugplatz mit einem der meist klapprigen, giftgrünen Taxis über die vor Geschäftigkeit pulsierende Avenue Bassawarga in die Innenstadt, kommt man schräg gegenüber dem Chateau d´Eau, einem riesigen, runden Wasserturm, an einem weiten, staubigen Platz vorbei.
Verschiedenes fällt auf: zum einen ist der Platz überraschend wenig belebt, nur ab und zu knattert ein Mobilet, wie man die stinkenden, lauten Mopeds hier nennt, oder rumpelt gar ein schrottreifes Auto durch die Schlaglöcher quer über die freie Fläche und zieht eine beträchtliche Staubfahne hinter sich her, zum anderen hält eine weiß gekalkte Steinmauer im Zentrum den Besucher zurück.
Sie umschließt etwa ein Drittel der Grundfläche des gesamten Platzes. Aus den geschichteten Mauern ragt ein palastartiges Gebäude mit wenigen kleinen, mit Holz gegen die glühende Hitze verschlagenen Fenstern.
Riesige Akazien und Tamarisken lassen die Anlage wie einen Park erscheinen. Eine kleine Moschee ist ohne äußeren Zugang an die Ostseite einer der Außenmauern geschmiegt.
Durch ein offenes Seitentor erhält man einen flüchtigen Blick auf einen sandigen Innenhof, der von den zahlreichen Baumriesen beschattet, in angenehmer Kühle liegt. Man kann, und das passt jetzt wieder gar nicht zu dem repräsentativen Eindruck der gesamten Anlage, etwa ein Dutzend Strohhütten vermuten, weil nur deren Dächer über die Mauern zu sehen sind. Diese stehen dort in weitem Kreis, wie in einer Dorfanlage im Busch des Mossi-Landes.
Wir stehen vor dem Palast des Mogho Naaba (sprich: Mooro-nawa), seiner Majestät des Kaisers der Mossi und zeremoniellen Herrschers über Ouagadougou und all seine Untertanen vom Stamm der Mossi. Der Kaiser-Titel wird auch oft Moro Naba oder anders geschrieben; aber das soll für uns unerheblich sein, es ist es auch für die Burkinabé, die Bewohner des Landes.
Der Mogho Naaba ist der unbestrittene und anerkannte Repräsentant des Volkes der Mossi, seine zeremonielle Macht ist ungebrochen und hoch geachtet. Die Vorgänger des derzeitigen Herrschers hatten die Entscheidungsgewalt über Leben und Tod. Weder die einstige französische Kolonialverwaltung noch die folgenden Regierungen haben je die traditionellen Rechte der Dynastie angetastet.
Die Mossi umfassen etwa die Hälfte der Bevölkerung Burkina Fasos, des „Landes der Aufrechten,“ wie der Name übersetzt wird. Sie bilden die einflussreichste Schicht unter den etwa sechzig verschiedenen Ethnien, die vorbildlich tolerant miteinander in dem kleinen Land leben.
An jedem Freitagmorgen, so zwischen 7.30 und 8 Uhr, es darf auch schon einmal etwas früher oder später sein, so genau nimmt man das in Afrika mit der Zeit nicht, kann man
vor dem Palast an einer eigenartigen Zeremonie teilnehmen, an den immer wieder gespielten Vorbereitungen des Kaisers der Mossi auf einen Kriegszug.
Das bühnenreife Schauspiel findet an der Rückseite der Palastmauer statt, wo ein kleiner Teil des Platzes von einer Reihe Akazien eingegrenzt wird.
Einige hundert Einwohner der Stadt und ein paar Touristen versammeln sich dort am Morgen. Emsige Palastwächter achten streng darauf, dass man keinen Fuß vor die Linie der Baumallee setzt und – um Gottes Willen, welch ein Verbrechen! – bloß keinen Fotoapparat auch nur in die Hand nimmt. Fotografieren wird von den Beschützern des Kaisers mit allen (!) Mitteln verhindert. Mit Argusaugen beobachten sie ständig misstrauisch die Fremden.
Beachtet man die Regeln, geben sich die Wichtigtuer äußerst freundlich und erläutern den Ablauf der Zeremonie mit salbungsvollen Worten in gedämpftem, holperigen Französisch.
Ehe der Kaiser sich und uns die Ehre seines Erscheinens gibt, versammeln sich die Honoratioren des Stammes.
Auf stinkenden Mopeds und in verbeulten Rostlauben, es ist aber immer öfter auch eine Luxuslimousine mit dem Stern darunter, fahren die Repräsentanten der Stadtteile und des Parlamentes vor. Sie tragen Schwerter und sind in kostbare Gewänder und rote Käppis gekleidet.
Ein Trommler schlägt den Takt zu dem bedächtigen Aufmarsch der hochlöblichen Stammesvertreter. Jeder hat seinen zugewiesenen Sitzplatz auf der Erde, seinem Ansehen entsprechend in der ersten Reihe oder weiter hinten.
Die Untertanen lassen sich demütigst in den Staub der afrikanischen Erde nieder. Schwert und Kopfbedeckung werden würdevoll abgelegt. Die Begrüßung eines jeden Neuankömmlings erfolgt mit großen Gesten.
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Ein Böllerschuss kracht in der Ruhe des beginnenden Tages und kündigt den offiziellen Teil des großen Ereignisses an.
An die Palastmauer ist ein schlichter Lehmbau angefügt. Eine Matte, geflochten aus bunt gefärbtem Stroh, verdeckt eine gerundete Türöffnung.
Von zwei Helfern wird ein schwarzes Pferd vorgeführt. Sein Fell glänzt seidig, es steht gut im Futter und ist bestens gestriegelt. Es ist das Streitross des Mogho Naaba und wurde, seiner Bedeutung entsprechend, mit kostbarem Zaumzeug prächtig aufgeputzt. An der leuchtendroten Satteldecke baumeln bunte Wollquasten neben rot- und grüngefärbten Lederstreifen in der leichten Morgenbrise.
Zwei Frauen huschen hinter der Strohmatte hervor und setzen sich auf die Erde. Sie halten einen goldglänzenden Zeremonialstab und sollen den Kaiser durch ihren lieblichen Anblick erfreuen.
Unmittelbar nach ihnen erscheint seine Majestät höchst persönlich, eingehüllt in einen weiten Burnus in der leuchtend roten Farbe des Krieges. Er trägt eine Kappe ebenfalls in kriegsrot, die von einer goldglänzenden Spange geziert wird. Wie jung oder alt er ist, kann ich wegen der großen Entfernung nicht erkennen.
Fast hastig lässt sich der Mogho Naaba auf einem bunten Lederkissen an einer der Lehmwände seines Palastes nieder.
In dem wallenden Umhang erscheint der kleine Mann über die Maßen voluminös. Die Ehrfurcht gebietet es mir, ihn nicht kugelrund zu nennen. Aber das scheint nur so. Auch mit vorgetäuschter Körperfülle kann man Bedeutung demonstrieren.
Die Gesichtszüge des Herrschers über die Mossi sind aus der großen Entfernung meines Standplatzes in der hintersten Reihe kaum zu erkennen. So unbedeutend fühle ich mich gar nicht, um so weit abgeschoben zu sein, aber wie soll ich das den Mossi bloß verklickern?
Ich ahne noch nicht, dass ich dazu bald, wenngleich ungewollt, Gelegenheit bekommen sollte.
Die Frauen neigen ihre kahlgeschorenen Köpfe tief auf den Erdboden.
Ein Trommelwirbel gibt den Auftakt zum nächsten Akt des mittelalterlichen Schauspiels. Aus den Reihen der Honoratioren erheben sich die offensichtlich Angesehensten und schreiten der Würde ihres Amtes gerecht werdend, angemessenen Schrittes, das Haupt tief gebeugt, auf ihren Kriegsherren zu. Ihr weiser Rat ist erwünscht. Sie sollen seiner Majestät die Entscheidung erleichtern, ob wir nun in den Krieg ziehen oder nicht. Historisch gesehen ging es seinerzeit gegen die Machtgelüste der leiblichen Schwester des Mogho Naaba.
Demutsvoll werfen sich die Berater in den Staub, dass es nur so staubt. Mehrmals heben sie, wie die Mohammedaner beim Gebet, die Arme zum Himmel, erflehen göttlichen Beistand für eine richtige Entscheidung. Immer wieder beugen sie sich leicht vor und reiben die Handflächen aufeinander.
Hochgeachtete Alte in den Dörfern werden von den jungen Mossi auch heute noch mit dieser unterwürfigen Respektbezeugung geehrt. Davon könnte sich so mancher junge Schnösel bei uns eine Scheibe abschneiden.
Nach dieser Erfüllung der Etikette hat es den Anschein, als würde im Kreise der Erlauchten ein intensives Beratungsgespräch stattfinden. Aber nur ein paar Minuten dauert diese Szene, dann ziehen sich die Würdenträger rückwärts schreitend, die Augen demutsvoll gesenkt, zurück.
Andere Gruppen aus den Reihen der Ratgebenden Versammlung wiederholen die Prozedur. Der Herrscher holt sich vor einer derart wichtigen Entscheidung über Leben und Tod klugen Rat bei den Vertretern aller Gruppen seiner Untertanen – ein wahrlich demokratisches Vorgehen.
Und das Volk will kein Blutvergießen in einem grausamen Krieg und – oh Wunder! – der Kaiser lässt sich nach diesem wahrlich großen Auftritt im letzten Moment, wo es Spitze auf Knopf stand, überzeugen, mit dem Feind in Friedensverhandlungen ein zu treten und ein Massaker zu verhindern.
Würden nur die Kriegslüsternen dieser Erde die Symbolik dieses eindrucksvollen Mossi-Schauspiels begreifen und ebenso besonnen handeln, wie es vor vielen hundert Jahren
ein weiser Mogho Naaba getan hat und zu dessen Gedenken das Zustandekommen des friedlichen Beschlusses jede Woche aufs Neue wiederholt wird. Und immer kommen eine Menge Zuschauer und lassen sich von ihrem Kaiser begeistern.
Der edle Mogho Naaba hat also beschlossen, das um der Macht willen sinnlose Blutvergießen zu unterlassen. Er schickt Boten aus zum vermeintlichen Feind, die die Glücksbotschaft überbringen. Sein Streitross lässt er in den Stall zurück bringen. Er selbst verschwindet kurz im Palast. Er zieht das blutrote Kriegshemd aus. Mit großem Gefolge erscheint er nochmals vor der Ratsversammlung und dem Volk im weißen Gewand des Friedens.
Musikanten und Sänger feiern ihren Kaiser mit Lobeshymnen.
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Es soll Bürger in der Stadt geben, die so beeindruckt von dem friedlichen Geschehen sind, dass sie sich keines dieser freitäglichen Lehrstücke für Frieden und Vernunft entgehen lassen, solange sie leben.
Auch ich war bei jeder Teilnahme an der Zeremonie zu tiefst beeindruckt von der Geschichte der Mossi und jedes Mal möchte ich dem Mogho Naabe dafür Beifall klatschen.
Ein krachender Böllerschuss beendet die Feier und ruft mich aus meinen Träumen zurück in die Wirklichkeit. Die Ehrengäste schwingen sich gelassen auf ihre Mopeds und kehren in den Alltag zurück. In der Nähe werden ungerührt Abfälle verbrannt; ein stinkender Qualm zieht über den weiten Platz vor dem Mogho Naaba-Palast.
Es war der Tag meines Abflugs nach mehreren Wochen Aufenthalt in Burkina Faso, bei seinen außergewöhnlich herzlichen Menschen. Noch einmal war ich am Morgen bei der großen Zeremonie eingetaucht in die Geschichte meiner Gastgeber.
Gegen Mittag sollte mich mein deutscher Freund Geri mit dem Wagen zum Flugplatz bringen. Er selbst war erst wenige Tage und zum ersten Mal im Land und von allem, was er sah, restlos begeistert.
Aus dem Stadtzentrum fuhren wir die Avenue Bassawarga entlang, auf den Mogho Naaba-Palast zu. Beeindruckt erzählte ich von dem freitäglichen Schauspiel.
Wir waren gute dreihundert Meter vor dem Palast angelangt, als Geri aus dem Auto heraus ein Foto der noch weit entfernten Palastanlage machte. Von unserem Standpunkt aus waren lediglich der Eingang zum Park, ein paar weiße Mauern und viele Bäume im Inneren der Anlage, die mit ihrem üppigen Blattbewuchs das Hauptgebäude im Hintergrund fast völlig verdeckten, zu erkennen.
In unserer Nähe hatte jemand einen Sonnenschutz aus alten Brettern an einen schief stehenden Telefonmasten gezimmert. Darunter lungerten ein paar Schwarze herum, Mofas waren abgestellt, Fahrräder lagen auf dem staubigen Sandweg. Aus den Augenwinkeln heraus bemerkte ich, dass an Aus den Augenwinkeln heraus bemerkte ich, dass an diesem unscheinbaren Ort plötzlich größte Aufregung ausbrach. Es wurde mit den Händen gefuchtelt und in unsere Richtung geschrieen. Ein gehbehinderter junger Mann stürzte auf sein Mobilet, fuhr wie vom Teufel besessen hinter uns her, schleuderte fast in unseren Wagen. Verwegen bremste er sein Fahrzeug unmittelbar vor der Motorhaube und stellte es uns plötzlich in den Weg, sodass Geri eine Schnellbremsung durchführen musste, um das Mofa samt seinem Fahrer nicht zu überrollen.
Schon war der am Fenster und brüllte auf uns ein, wie ein Diplom-Hysteriker. Er tat dies mit einer derartigen Aggressivität, wie ich es im Land bisher noch nicht erlebt hatte. Was sollten wir nur verbrochen haben, um den Typen so in Rage zu bringen? Wir hatten kein Verkehrszeichen missachtet – deswegen würden sie dich in Afrika wie einen Außerirdischen bestaunen – oder gar einen Menschen gefährdet, nicht einmal einen der zahlreichen Straßenköter, die einem schon ab und zu vor den Kühler laufen, hatten wir verletzt oder gar totgefahren; wir waren uns keiner Schuld bewusst.
Das Geschrei dieses Menschen aber wurde immer heftiger. Wir verstanden kein Wort; er ereiferte sich wahrscheinlich in Moré, der Sprache der Mossi. Davon verstehe ich nicht viel, außer „prosit = niam lafi,“ was soviel wie „gutes Leben“ bedeutet.
Etwa ein Dutzend Neugieriger hatte sich schnell um unser Auto versammelt. Da war etwas geboten – da schau´n wir mal hin! Es war ein guter Anlass, mal eben die Tagesarbeit liegen zu lassen. Neugierig ist in Afrika niemand, nur erfahren möchten sie alles, was so passiert. Die Menschentraube wuchs schnell zu einer ansehnlichen Theatergemeinde. An eine Weiterfahrt war nicht mehr zu denken – in einer Stunde sollte ich auf dem Flugplatz einchecken.
Nach dem ersten Ansturm fragte ich den Tobenden, was er denn mit seinem unverständlichen Geplärre eigentlich von uns wolle, was er sich erlaube, uns einfach auf so rigorose Weise an der Weiterfahrt zu hindern, warum er im Gegensatz zu allen anderen Burkinabé so aufgebracht und vor allem so unhöflich wäre?
Von da an brüllte er uns nicht mehr in Moré an, sondern in einem nur schwer verständlichen Französisch, das keinem in der Schule die Zensuren verbessern hülfe.
Andere Autos hielten an, die Neugierigen bedrängten uns immer mehr, Nasen drückten fast die Windschutzscheibe unseres Wagens ein.
Immer noch versuchte ich mit Geduld und ruhiger Stimme die Ursache für die Unbeherrschtheiten des Schreienden zu klären. Endlich wurde mir der lächerliche Grund für die riesige Aufregung eröffnet:
Dieser Mensch behauptete, ein Palastwächter des Mogho Naaba zu sein und beschuldigte uns, den Kaiserpalast fotografiert zu haben – und das wäre strengstens verboten!
Ich musste lachen. Ja, wenn es weiter nichts ist, dachte ich, das kriegen wir schon wieder hin. Passiert es doch einem Touristen in einem fremden Land des öfteren, dass er in seinem Eifer unwissend ein unerlaubtes Foto schießt. Darüber muss man doch reden können, noch dazu in Afrika!
Dem war allerdings in unserem Fall leider nicht so. Die Aufregung des so schwer Getroffenen, obwohl von Geri gar nicht fotografiert, wurde sogar noch größer.
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Wortreich versuchte ich den ach so großen Fehler meines Freundes zu entschuldigen, nicht ohne jedoch darauf hin zu weisen, dass weder ein Fotografierverbot irgendwo in der Nähe angeschrieben war und ich sogar eine seit langem nicht mehr erforderliche Fotografiergenehmigung des Ministeriums für Tourismus vorweisen konnte. Und wer sagt mir denn überhaupt, ob der abgerissene Typ ein Wächter des Kaisers ist, da kann sich doch ein jeder aufblasen.
Inzwischen war die Menschenmenge um uns herum auf etwa fünfzig Personen angewachsen. Da konnte man sich fast wichtig vorkommen. Einige der Zuschauer bestätigten sowohl meine Meinung als auch die meines Widersachers abwechselnd mit Kopfnicken. Es bildeten sich sogar kleine Diskussionsrunden.
Das Für und Wider wurde breit ausgetreten. Einig wurden sich die Runden der Experten und Rechtskundigen, denn jeder glaubt hier immer einer davon zu sein, nicht. Wie sollte ich mich da auskennen, bei welcher der Parteien ich Verbündete zu suchen hatte.
Der beleidigte Wächter wurde immer dreister. Wir mussten höllisch aufpassen, uns nicht zu einer tätlichen Auseinandersetzung hinreißen zu lassen, als wir befürchteten, die Angriffswut dieses Irren nicht mehr vernünftig abwehren zu können. So konnte ich nur mit großer Aufmerksamkeit verhindern, dass der freche Kerl den Autoschlüssel aus dem Zündschloss riss.
Mir war nicht mehr wohl bei der ganzen Geschichte. Plötzlich startete Geri den Motor und wollte einfach losfahren, wenn es hätte sein müssen, über das Moped-Hindernis hinweg. Blitzschnell zerrte der Mogho-Naaba-Palast-Be-schützer die Fahrertür auf. Wir mussten stehen bleiben, denn einen Personenschaden wollten wir wirklich nicht riskieren.
Die unerfreuliche Situation wurde immer auswegloser. Ich drohte, die Polizei zu holen. In Wirklichkeit hätte ich das niemals getan, denn so wäre die Angelegenheit nur noch verfahrener geworden. Insbesondere hätte man uns als erstes alle mir zur Wache genommen, und so etwas hat dann oft einen stundenlangen Aufenthalt zur Folge. Immerhin wollte ich in zwei Stunden im Flugzeug nach Europa sitzen.
Wieder redete ich ruhig auf den Erregten ein, bot ihm an, den Film aus dem Apparat zu nehmen und in ihm aus zu händigen. Den könne er dann seinem Kaiser auf den Mittagstisch legen, um als Gegengabe vielleicht ein offen-sichtlich heißersehntes Lob für aufopferungsvolles Untertanentum ein zu heimsen.
Auch mit diesem verlockenden Angebot kam ich nicht weiter. Mein Kontrahent wollte unbedingt in treuer Pflichterfüllung seinem hohen Herrn zu Dienste sein. Nur womit wir uns kasteien sollten, wurde nicht klar.
Nun versuchte ich den Spieß um zu drehen und fragte, wie er sich denn unsere Bestrafung vorstelle. Dies brachte ihn in ziemliche Verlegenheit. Soweit hatte er in seiner Erregung nicht gedacht.
Um ihm weiter zu helfen, fragte ich, ob es denn vielleicht ein Verbotsschild gäbe, das ich dann lesen und zur Kenntnis nehmen würde und anschließend meinen Freund gehörig auf seine Untat hin zu weisen und ihn zur künftigen Beachtung an zu halten.
Damit hatte ich Erfolg, der Mensch beruhigte sich ein wenig. Er verlangte, der Sünder soll ihm zum Eingang des Palastes folgen. Geri und ich wollten dies verhindern. Mein Freund sprach nur wenige Worte französisch und außerdem sollte der so schwer Beleidigte nicht so einfach seinen Willen durchsetzen dürfen.
Während der noch weiter krakeelte, stieg ich aus dem Auto und ging in Richtung des Palastes, wollte da mal selber nachschauen. Der Wächter folgte mir schimpfend. Hinter uns bildete sich eine Prozession von Neugierigen; es war fast so feierlich wie an Fronleichnam, da fehlte nur noch, dass einer das Kreuz vor sich her trug – ich glaube, das tat im Geiste unser In-Treue-Ergebener.
Unmittelbar am Eingang zum Park des Palastes hätte nun tatsächlich die Stunde des Triumphes für meinen Kontrahenten schlagen und er sie genüsslich nützen können. Denn dort war eine kleine Metalltafel aufgepflockt, auf der man unter zahlreichen Rostflecken und aus einem Abstand von höchstens zwei Metern lesen konnte:
« Il est interdit à prendre des fotos », der Hinweis also auf jenes ominöse Fotografierverbot, dessen Missachtung unseren eifrigen Beschützer des Kaisers so arg in Wut versetzt und ihn kraft Anordnung zum Handeln gezwungen hatte.
Selbstverständlich bedauerte ich an dieser Stelle zum wiederholten Mal das unverzeihbare Fehlverhalten meines Freundes Geri zutiefst, zeigte mich viele Male « très désolé », als auf das äußerste beschämt und über mich selbst völlig entsetzt.
Es hatte keinen Sinn, dem Menschen zu erklären, dass eine derartig platzierte Hinweistafel aus dreihundert Meter Entfernung nicht zu erkennen war, noch dazu, weil sie aus Sicht des Ankommenden um 90 Grad verdreht war.
Sollte er also den Genuss des Sieges feiern. Für mich wurde es immer dringlicher, mich in Richtung Flugplatz auf den Weg zu machen. Die Zeit verging bei dem haarspalterischen Gezänke viel zu schnell.
Aber ich hatte die Rechnung ohne den Wirt gemacht. So einfach war dem Stänkerer nicht Genugtuung zu verschaffen.
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Jetzt bestand er darauf, dass der Übeltäter persönlich das Hinweisschild in Augenschein nehmen sollte.
„Und was wird danach?“ fragte ich, „können wir uns dann verabschieden oder wollen Sie uns weiter festhalten?“
Der Wächter blieb unschlüssig. Ich dachte mir, damit die Angelegenheit endgültig erledigt und wollte in Richtung Auto gehen, doch der unverschämte Kerl hielt mich fest.
Ich habe in meinem Leben noch jemanden geschlagen, aber jetzt war ich knapp davor, dem Typen eine ein zu schenken. Nur mit Mühe konnte ich mich zurückhalten. Das war gut so, wusste ich doch auch nicht, wie die vielen Zuschauer reagieren, auf welche Seite die sich schlagen würden.
Natürlich war mir klar, was der Lackl wirklich wollte: Geld natürlich! – Aber für diese groteske Situation auch noch zu zahlen, dafür war ich nie und nimmer bereit. Eher sollte das Flugzeug ohne mich starten.
In meiner Not, kam ein gut gekleideter Herr auf mich zu und meinte trocken, ich könne die unangenehme Situation ganz einfach zu einem guten Ende bringen:
„Gehen Sie doch zum Mogho Naaba!“ sagte er mit freundlichem Lächeln – als ob dies das Selbstverständ-lichste der Welt wäre.
Zum Mogho Naaba gehen? Ich als Touri ohne festliche Kleidung? Wegen so einer hirnrissigen Lappalie den Kaiser der Mossi belästigen? Wo jeder Mossi wochenlang auf die gnädigste Gewährung eines Audienztermins warten muss und bis dahin vor lauter Ehrerbietung kein Auge mehr zu- bringt! Ich zum Mogho Naaba! Ich war direkt erschrocken ob dieser überraschenden Empfehlung, pflege ich doch in meinem einfachen Alltag keinen Umgang mir Excellenzen oder gar Majestäten.
„Ist das Ihr Ernst?,“ stotterte ich, „ich kann doch nicht einfach so....“
„Doch, sie können einfach so,“ meinte er mit sanfter Stimme, „gehen Sie nur! Der Mogho Naaba ist in seinem Palast. Sie bringen den aufsässigen Kerl sonst nicht los.“
Dieser feine Herr war so Vertrauen erweckend, dass ich nicht länger überlebte.
„Gut,“ sagte ich mutig, „dann geh´ ich halt zum Mogho Naaba,“ und wandte mich in die Richtung des Haupteingangs zum Palasthof. Dem ungeduldig im Auto wartenden Geri konnte ich nicht mehr Bescheid geben. Er musste mich aber in die „Heiligen Hallen“ entschwinden sehen. Dabei blieb er natürlich im Unklaren und erzählte später, dass er „Blut und Wasser“ geschwitzt habe, weil er meinte, ich wäre verhaftet worden.
Nur mehr eine kleine Anzahl Neugieriger folgte mir jetzt; die meisten wagten nicht, das „Heilige“ Gelände mit der Unbedeutendheit ihres demütigen Untertanentums zu beschmutzen. Ich versuchte den Eindruck großer Gelassenheit zu demonstrieren und möglichst gleichgültig in den Garten um den Palast zu schlendern. Ein verlegenes Pfeifen sparte ich mir.
Der Respektabstand der anfangs Folgenden vergrößerte sich, je näher ich auf den Palast zuschritt. Ich blickte nochmals um und konnte an den entsetzt-erstaunten Minen der Zurückbleibenden erkennen, was sie von mir hielten: „Der Typ ist ganz schön abgefahren! Der Wahnsinnige traut sich tatsächlich zum Mogho Naaba!“
Das breite eiserne Eingangsportal zum Garten des Palastes stand weit geöffnet. Ich wollte es kaum glauben: es gab keinen Wächter, keine Kontrolle. Ich schritt unbehelligt die siebzig Meter weit im Schatten der Baumriesen auf die Residenz des Kaisers zu. Der freundliche Herr, von dem ich den vielleicht guten oder doch schlechten (?) Rat erhalten hatte, war nirgends mehr zu sehen. War das eine Falle? Oder traute er sich nicht, mich zu begleiten? – Es war egal, ich war unterwegs und es gab kein Zurück mehr. Das konnte ja heiter werden.
Mir fiel die entspannende Ruhe im üppig grünenden Garten auf. Vom Lärm der Stadt war nichts zu hören. Nur mein Blut pulsierte heftig durch die Adern, dass ich meinte, das Plätschern eines nicht vorhandenen Brunnens wahr zu nehmen. Vollkonzentriert setzte ich Schritt vor Schritt, hatte Bedenken, dass ich über meine eigenen Beine stolpern könnte. In einer schattigen Ecke des Parks wurde das Streitross des Kaisers, ein prächtiger Rappe , der bei den Freitagszeremonien die tragende Rolle spielen darf, gewaschen und gestriegelt.
Das mehrstöckige Palastgebäude schien zu wachsen, je weiter ich mich näherte. Auch die Bäume erschienen mir immer riesiger und ich meinte, immer weiter zu schrumpfen. Ich merkte nicht mehr, ob mir jemand folgte, sah nur zwei Stufen zu einer großen Terrasse, dahinter das mir jetzt hoch wie ein Wolkenkratzer erscheinende Gebäude. Und das Portal gähnte wie ein schwarzes Loch vor mir, bereit, mich zu verschlingen.
Nach zahlreichen Afrikareisen bilde ich mir ein, ein gewisses Maß an Erfahrung im Umgang mit den Einheimischen mit zu bringen, vielleicht sogar ein besonders gutes Gefühl dafür entwickelt zu haben. Wie sonst hätte ich all die schwierigen und ungewöhnlichen Situationen bisher so problemlos überstanden?
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Aber wie sollte ich mich im Angesicht des Kaisers der Mossi verhalten? –
„Schau ihm nicht in die Augen,“ riet ich mir, das verbietet bereits beim gewöhnlichen älteren Menschen der Anstand. Nur einem Dieb schaut man in die Augen, sagt der Volksmund.
„Senke demütigst untertänig den Blick, wenn du vor seiner Majestät stehst, auch wenn Demut nicht gerade zu deinen Stärken zählt.“
Ich wusste zwar, dass ich keinem weisen Greis gegenüber zu stehen oder zu sitzen oder im Staube zu kriechen hatte, wenn ich jemals bis dort vorne dringen sollte, noch glaubte ich immer noch nicht daran. Man hatte mir erzählt, dass der Herrscher so um die vierzig Jahre alt sein sollte und man ihn ab und an durchaus als Zuschauer auf dem Fußballplatz antreffen würde. Das machte ihn sympathisch und er schien unkompliziert zu sein. Aber trotzdem kam mir jetzt alles so unendlich weit entfernt vor.
„Rede ruhig und bedächtig, sei nicht vorlaut, warte, bis du gefragt wirst oder man dir das Wort erteilt,“ fuhr es mir in den Sinn. – Aber ich munterte mich auch auf:
„Du hast nichts Unrechtes getan, lass dich nicht unterkriegen! Was wollen die denn mit dir machen?“
Genau das war der springende Punkt: Was wird der Kaiser wohl mit mir anfangen?
Vor den Stufen zu der weiten, gefliesten Terrasse angekommen, bemerkte ich, dass mir noch etwa zehn Personen gefolgt waren.
Einige zogen vor den Stufen ihre meist zerschlissenen Schuhe aus. Besonders herausgeputzt für den außergewöhnlichen Besuch hatte sich keiner meiner Leibgarde. Sie trugen die selben verstaubten, eingerissenen Hosen und Hemden, in denen sie ihrer täglichen Arbeit oder der Langeweile nachgehen. Da erschien ich in der sauberen Reisekleidung direkt fein herausgeputzt. Ich schrieb mir einen Pluspunkt gut; konnte ihn dringend gebrauchen.
Ich überlegte kurz und entschied: Nicht mehr Erniedrigung als unbedingt nötig, also erst einmal vor dem Palast keine Schuhe ausziehen.
Vor dem Palasteingang blickte ich auf. Ich stand frontal gegen die stechende Mittagssonne, der Schatten des großen Hauses reichte nicht bis zu mir. Das war ungünstig. Mir wurde immer heißer.
Die zwei Flügel der hölzernen Palasttür standen weit offen. Im kühlen Schatten des Hauses erblickte ich eine auffallend kleine, durch wallenden Brokat-Boubou ungewöhnlich dick – wenn seine Majestät dieses banale Wort verzeihen mögen – erscheinende, kleine Gestalt.
Sofort war mir klar: Du stehst vor dem Mogho Naaba, seiner Majestät, dem Kaiser der Mossi.
Weiß, mit Goldfäden reich bestickt, fielen die weiten Falten seines kostbaren Kleides locker zu Boden. Ein rotes Filzkäppchen trug der Herrscher auf dem Haupte. In der rechten Hand hielt er, den Arm zur Seite gestreckt, einen, seine Köpergröße überragenden golden glänzenden Zeremonialstab.
Wie schon in der Frühe an den Palastmauern, erschien der Kopf des Kaisers in der Fülle der Kleider in den Proportionen klein wie der eines listigen Buben. Seine Mine war ausgesprochen freundlich. Ein schwarzes Oberlippenbärtchen zierte die sympathische Erscheinung. Sein Aussehen ließ einen jungen Mann im besten Alter vermuten. Er blickte mich mit einem Anflug von lässiger Mildtätigkeit aus funkelnden Augen an; Majestät schien ein bisschen „amused“ zu sein. Die angenehme Ausstrahlung nahm ein bisschen von meiner Anspannung weg. Fast hatte ich den Eindruck, dass sich die edle Gesellschaft mit mir einen fröhlichen Spaß gönnen wollte, eine kleine Komödie nach dem Motto: Wie verarsche ich einen – Verzeihung –, wie mache ich mich über eine blöden Touri lustig.
Bewacht wurde der Mogho Naaba von einem lebensgroßen, weißen Löwen. Der allerdings war nur eine Ausfertigung in Gips und starrte ein paar Meter hinter seiner Majestät aus der weiten Eingangshalle des Palastes. Im Hintergrund umschwärmten eifrige Hofschranzen geschäftig den Herrscher; sie trugen aber lediglich Alltagskleidung. Trotz des würdevollen Auftritts seiner Majestät hatte ich schnell den Eindruck, dass es recht ungezwungen zuging, in der näheren Umgebung des Naaba.
Ich blieb, so wie es die anderen taten, etwa fünf Meter vor dem Kaiser stehen, verneigte mich flüchtig – ich hasse Etikette jeglicher Art – und wartete erst einmal ab.
„Lass´ sie mal kommen,“ sagte ich mir, „die wollen ja etwas von mir und nicht ich von ihnen.“
Es war mir unangenehm, dass mir die Sonne direkt ins Gesicht knallte. Ich musste die Augen zusammenkneifen, um überhaupt in die Finsternis des Hauseingangs schauen zu können; die Sonnenbrille hatte ich anstandshalber – damit man meine treuherzig dreinblickenden Augen gut erkennen konnte – abgenommen.
Der Empfangsplatz ist geschickt gewählt, stellte ich fest: alte Indianer-Strategie: Immer mit der Sonne im Rücken gegen den Feind!
Im Laufe des folgenden Gesprächs trat ich dann frech zwei Meter vor, um in den Genuss des Schattens zu kommen. Heiß war mir sowieso genug.
Jetzt warfen sich zwei der Mitgekommenen auf die Marmorfließen der Terrasse und schoben sich auf Händen und Knien untertänigst in Richtung Mogho Naaba, überkrochen die Schwelle zum Palast, rieben die
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Handflächen kreisförmig aufeinander, wie wir es am Morgen bereits erlebt hatten, und erhoben sich im kühlen Inneren des kaiserlichen Wohnhauses.
Mein direkter Kontrahent, der unverschämte Kerl, schritt so mir nichts dir nichts auf seinen Regenten zu und begann zu brüllen.
Nur wenige Sätze ließ der Kaiser so ungehörig mit sich umgehen. Dann gebot er mit einer deutlichen Handbewegung Einhalt und ließ sich den Vorfall, der zur Verhandlung stand, von einem anderen Menschen erzählen, der die Geschichte in Moré sehr bedächtig vortrug. Leider verstand ich kein Wort, was meine Verteidigung nicht einfacher machte.
Vom Mogho Naaba strahlte große Ruhe und Freundlichkeit aus. Immer wieder gönnte mir seine Majestät einen heiteren Blick.
Ich wurde lockerer, fühlte mich nicht mehr unter Druck, bekam richtig Spaß an der amüsanten Situation.
Der Kaiser ließ mich durch einen Sprecher bitten, meine Sicht der Geschichte vor zu bringen.
Ich dankte in diesem Moment meinen Eltern, dass sie mir in der Schule die französische Sprache so leidlich lernen ließen, und ich dankte mir, dass ich in meinem geliebten Afrika so viel dazu gelernt hatte, dass es mir nicht schwer fiel, mich meinem Gegenüber verständlich aus zu drücken. Ja, ich wurde sogar so vermessen, ihm nicht nur den unliebsamen Vorfall ausführlich zu schildern, ich erdreistete mich sogar, seiner Majestät zu empfehlen, diesen „homme fou,“ seinen „verrückten“ Leibwächter möglichst bald aus seinen Diensten zu entfernen, weil das für Afrika so untypische Verhalten dieses Rabauken doch nicht zur Würde und Umgebung der Mossi, seines großartigen Volkes im allgemeinen und seiner Majestät des Mogho Naaba im besonderen, so gar nicht passen würde.
Und sie mögen es glauben oder nicht, es huschte ein wohl-wollendes Lächeln über die Züge des Kaisers.
Mein ausführlicher Bericht wurde immer wieder durch die ungehörigen Zwischenrufe des aggressiven Störenfriedes unterbrochen. Er fauchte und schrie. Ich wartete darauf, wie lange sich der Naaba dieses unflätige Verhalten noch bieten ließe.
Der schien jedoch erlauchteste Toleranz zu gewähren. Trotzdem durfte ich dem Ablauf des Hin und Hers entnehmen, dass der aufbrausende Wächter nicht das erhoffte Verständnis oder gar eine öffentliche Belobigung erfahren würde. Die Stimmung der Anwesenden schien sich gegen ihn zu richten. Er musste einsehen, dass seine Felle davonschwammen. Da war es nichts mehr mit einem kräftigen Anschiss oder gar einer gehörigen Bestrafung des ach so rücksichtslosen Touristen.
Ich gewann sichtlich die Oberhand in dem Duell. Ich maßte mir an, den Kaiser darauf hin zu weisen, dass es überhaupt keinen Grund gäbe, mich von dem Kerl da, beschimpfen zu lassen. Ich war doch nur gekommen, um für meinen Freund da draußen ein gutes Wort ein zu legen, da dieser des Französichen oder gar des Moré unkundig sei. Auch wies ich nachdrücklich darauf hin, dass ich nicht das geringste Verbrechen begangen hatte und dass diese lächerliche Situation doch schnell und auf einfache Weise geregelt werden müsse. Die groben Beschuldigungen des Wächters wollte ich mir nicht länger bieten lassen.
Der Herrscher schien von meinem Einsatz beeindruckt und nickte mir huldvoll zu. Das tat gut.
Da kam mir eine Idee. Ich suchte mir unter den Umstehenden, einen völlig ruhig wirkenden Untertanen des Kaisers aus und bat ihn, ab sofort, doch anstelle des tobenden Frechdachses von Wächter, mir als mein Vermittler und Übersetzer zum Mogho Naaba zu helfen. Mit dem unverschämten Randalierer würde ich ab sofort nicht mehr reden. Ich erhob mich also gleichsam auf die Gesprächs-ebene des Mogho Naaba. Wenn sich der eines Sprechers bediente, warum dann nicht ich mich auch!
Ich hatte mein Ansehen mit diesem Glücksgriff gewaltig verbessert. Wenn es die Würde des Kaisers erlaubt hätte, ich bin überzeugt, er hätte ob des gelungenen Schachzuges laut losgelacht; ich habe es ihm deutlich angesehen. Mein Sprecher war erst ein bisschen überrascht, wie er so unverhofft zu der Ehre gekommen war, erfüllte dann aber die ihm von mir auferlegte Aufgabe mit Bravour, fühlte sich sogar geehrt und ich bedankte mich vor seinem Chef entsprechend herzlich für die Hilfe.
Die Unterhaltung wurde immer gelöster. Ich sammelte meinen gesamten Wortschatz um das herrliche Land der Mossi und die Herzlichkeit seiner stets freundlichen Bewohner – mit einer Ausnahme – zu loben. Verwegen plauderte ich über meine großen Reisen, die mich seit Jahren immer wieder durch das Herrschaftsgebiet seiner Majestät führen. Ich vergaß auch nicht zu erwähnen, dass ich eigentlich auf dem Weg zum Flugplatz sein sollte, und ich übertrieb ein wenig, als ich sagte, dass in etwa dreißig Minuten die Maschine nach Europan starten würde.
Da hakte der Mogho Naaba nach und jetzt wandte er sich in bestem Französisch sogar direkt an mich. Und mit allergrößtem Staunen hörte ich ihn mit milder Stimme sagen:
„Wissen Sie, mir persönlich ist es völlig gleichgültig, wenn ich oder der Palast oder die Zeremonie fotografiert werden. Es sind meine Wächter, die das nicht wollen. Und ich kann es ihnen nicht austreiben.“
Mir stand schier der Mund offen ob dieser überraschenden Worte.
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Ich entgegnete, dass dieses Gebot, auch wenn es nur der Wille der Wächter seiner Majestät ist, selbstverständlich von mir und meinem Freund künftig beachtet wird, dass wir allerdings keine Fetisch-Priester oder weise Seher sind und deshalb leider auch nicht auf die Entfernung von mehreren hundert Metern irgendwelche Schriften auf verrosteten Täfelchen zu lesen in der Lage sind.
Nochmals versicherte ich, selbstverständlich den Film ab zu liefern, wenn seine Majestät es wünsche, und dass ich natürlich auch meinen Freund, den Verursacher des leidigen Zwischenfalls, entsprechend belehren werde.
„Sie brauchen den Film nicht abgeben. Das ist wirklich nicht nötig. Nehmen Sie die gute Erinnerung mit. Für mich ist die Angelegenheit erledigt. Wenn Sie wünschen, können Sie selbstverständlich gehen, damit Sie Ihr Flugzeug nicht verpassen,“ waren die Abschiedsworte dieses liebenswürdigen Herrschers.
Ich bedankte mich herzlich, verneigte mich artig und kehrte höchst erfreut von der angenehmen Unterhaltung zu meinem Freund zurück, der wie auf Kohlen sitzend in der brütenden Hitze und in Ungewissheit im Auto einstweilen kräftig Buße geleistet hatte.
Und wenn mich mein Weg wieder nach Ouagadougou führen wird, werde ich mich um eine Audienz beim Mogho Naaba bemühen, um ein bisschen zu plaudern mit seiner Majestät, dem freundlichen Kaiser der Mossi, über die Dinge der Welt, oder was es sonst so alles Neues gibt, in Burkina Faso, im so angenehmen Land der Mossi.
Walter Egeter
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