Im richtigen Moment„Nein“ sagen
Sucht kann Leben zerstören – das konnten die Schüler der Realschule Schweiklberg am 27. und 28. Juli aus erster Hand erfahren. Im Rahmen der Projekttage zur Suchtprävention hatte die Schule mehrere Experten zum Thema „Sucht“ eingeladen. So konnten die Schüler beispielsweise anhand des „Suchtparcours“, betreut vom Gesundheitsamt Passau unter der Leitung von Sylvia Seider-Rosenlehner , am eigenen Leib mit Hilfe der sogenannten „Rauschbrillen“ ausprobieren, wie gefährlich und unberechenbar ein Rauschzustand sein kann. Auch über die Gefahren und Wirkungsweisen anderer gängiger Suchtmittel wurden die Schüler aufgeklärt. So gab Polizeihauptmeister Erwin Stampflmeier von der Polizeiinspektion Vilshofen den Jugendlichen einen kleinen Einblick in seinen Alltag bei der Drogenfahndung.
Doch der eigentliche Höhepunkt der Präventionstage waren die beiden Gäste, die über ihre Erfahrungen mit Drogen aus einer ganz anderen Perspektive berichteten, aus der Perspektive der Betroffenen.
Angela Auer gelang es mit ihrem schonungslosen und ehrlichen Vortrag über die jahrelange Drogensucht ihres Sohnes Fabian, selbst die jüngsten Schüler zum Nachdenken zu bringen. Fabian, der im Alter von 14 Jahren das erste Mal in Kontakt mit Drogen gekommen war, hat eine klassische Drogenkarriere hinter sich. Haschisch, Kokain und Heroin zerstörten nicht nur sein eigenes Leben. Auch Mutter und Schwester mussten am eigenen Leib erfahren, was es heißt, Fabians ständigen Kampf mit Dealern, Entzug und Rückfällen mit zu tragen und trotzdem ein einigermaßen normales Leben zu führen. Aus ihren schmerzhaften Erfahrungen hat Angela Auer ein Buch zusammengestellt, das ihre Erlebnisse und Ängste festhält. Die Schüler aller Klassen waren mehr als betroffen, als die Schriftstellerin Stellen aus ihrem Buch vortrug und sich den Fragen der Schüler stellte. Auf die Frage, warum sie noch nicht aufgegeben hätte und statt dessen sogar die Kraft aufbringe, in Schule und bei anderen Organisationen über ihre Erfahrungen zu berichten, antwortet sie: „Meinen Sohn kann ich vor diesen Erfahrungen nicht mehr bewahren, aber vielleicht kann ich mit meinem Einsatz anderen Jugendlichen diesen schmerzvollen Weg ersparen.“
Absolute Stille herrschte auch im Musiksaal, wo Alexander Golfidis seinen eigenen schleichenden aber unaufhaltsamen Weg in die Drogensucht schonungslos und ehrlich beschrieb. 15 Jahre lang war der Münchner heroinsüchtig, hatte alle Arten von Drogen ausprobiert, gedealt und musste seine Sucht schließlich mit Diebstählen finanzieren. Vom rauschenden Glücksgefühl nach dem ersten Joint bis hin zum Absturz in die Abhängigkeit, dem Leben in der Gosse, Gefängnisstrafen und mehreren gescheiterten Entzugsversuchen schilderte der Drogenaufklärer seinen klassischen Werdegang eines Junkies. Dass Sucht Leben zerstören kann, weiß der Münchner eindrucksvoll zu vermitteln. Kein erhobener Zeigefinger, keine typischen Erwachsenenfloskeln – allein die ruhige und offene Art, mit der er aus seinem Buch „Der Heroinschuster“ vorliest und Fragen der Schüler ohne Beschönigungen beantwortet, verleihen ihm eine Glaubwürdigkeit, die wohl sonst kaum zu finden sein dürfte. Und genau das beeindruckte und schockierte seine Zuhörer. Vor allem die Schüler der neunten Klassen waren tief bewegt von Golfidis Lebensgeschichte. „Bestimmt denkt der Ein oder Andere von uns jetzt einen Moment länger nach, wenn ihm Drogen angeboten werden. Und das kann ja den entscheidenden Unterschied für den Rest eines Lebens ausmachen. Ich hab sehr viel gelernt, zwar nicht für die Schule, aber sicher für mein Leben.“ so die Reaktion eines Schülers.
Alexander Golfidis engagiert sich im neuen Münchner Verein „getaway“ für den Kampf gegen die Drogensucht und betreibt Prävention auf eine ganz persönliche und eindringliche Art.
Es bleibt zu hoffen, dass zumindest einige der Jugendlichen, die an den Präventionstagen teilgenommen haben, nun im richtigen Moment „nein“ sagen können.
Tatjana Lau